Eine Weihnachtgeschichte
I. Das Cookie-Debakel
Ein grauer Dezembermorgen in NRW, ganz klassisch sah der Himmel aus wie Klaus Kaufmanns alte Socken. Aber in der Brusttasche von Thom war es warm. Es war aber wirklich muckelig! Jepp, da wohnte Sawwwy – soweit, so schön.
Sawwwy gähnte. Sie streckte ihre winzigen Arme. Die waren dünn wie Streichhölzer. Aber stark wie Doppel-T-Stahlträger. Sawwwy war wach. Thom war auch wach und seufzte. Kaffee! Der Kaffee blubberte laut in seinem Magen. Das hörte sich für Sawwwy an wie ein Whirlpool. Eine äußerst somnambule Geräuschkulisse.


Thom griff nach der Dose. Die Dose mit den Cookies. Das waren die Cookies von damals, die sein Vater so liebte. Thom hatte sie gebacken, die ignoranten Nachbarn attributierten seine Lebensgefährtin, egal. Mit Schokolade. Vieeeel Schokolade, bisschen knusprig wie Schrauben, bisschen soft wie der Po vom weißen Pudel. Aber dazu später mehr.
Sawwwy roch die Schokolade durch den Stoff vom Hemd. Sofort sprang sie auf. Sie kletterte aus seiner Hemdtasche. Sie stellte sich auf den Rand, stemmte sämtlige Hände in die Hüften.
„Finger weg!“, schrie sie. Ihre Stimme war laut. Wie eine Krähe auf Koffein.
Ein Nachbar ging entlängs, einer der vielen Thomassen von Gegenüber und drumherum, hörte sie rückwärts durch die brandneuen Überwachungskameras. Er wollte auch einen lecker Cookie. Er guckte neu- und zwar gierig. Sawwwy sah das.
„Du Schandmaul!“, brüllte sie. „Das sind meine! Geh weg, du Gierschlund!“
Der andere Thom erschrak, ließ den Kopf hängen: die Biege. Man soll den Tag nicht vor dem Kekschn loben und lauerte auf den Dämmerungseinbruch.
Der eine Thom schmunzelte. Er nannte sie „Die kleinste Krähe der Welt“. Gab ihr ein Stück vom Cookie. Sawwwy aß es – selbstverständlig – sofort. „Köstlich, so lecker und laut wie Schrauben!“. Aber sie teilte nicht.
Niemals, denn „Teilen macht arm.“ Das wusste doch jeder. Sawwwy war zufrieden. Sie war saturiert.
II. Der Feind kehrt gut
Thom musste raus. Arbyte in Bonn – immernoch. Das nervte Sawwwy auch. Jedenfalls hatte es geschneit in der kleinen Straße und es war grässlich früh. Der Schnee war weiß und kalt. Sawwwy hasste Kälte. Sie blieb in der Thom’schen Hemdtasche. Sie lugte nur mit den kleinsten Augen der Welt raus. Wie ein Periskop beim U-Boot.
Hoppala! Da war er – der Feind: Der Hausmeister von hinterm Haus. Er hatte eine Schaufel. Er schaufelte Schnee auf Thom‘ Seite, der gerade versuchte, das Auto zu entschneen – war’s der POLOch oder der Merkeden-Benk? Wir werden es nie erfahren. Anyway: Das war zu frech vom Hausmeisti. Das war Krieg!
Sawwwy spannte sämtlige Muckulatur an.
Sie hätte rüber springen können. Sie hätte den Hausmeister samt Schaufel hochheben können. Sie hätte ihn auf das Dach werfen können. Aber der Hausmeister war groß und wie heißt noch einmal das Gegenteil von schlank-und-gutaussehend? Zudem guckte er grimmig. Sawwwy hatte bisschen Schiss. Aber in Echt doch nur ein mini-kleines Bisschen. Die Püdel waren ja da… Also Punk!
„Heeee!“, rief sie aus der Hemdtasche. „Du übergewichtiger Besenclown! Schaufel deinen eigenen Schnee doch einfach woanders längs!“
Der Hausmeister guckte sich um. Er sah niemanden.
Thom grinste. Er sagte: „Moin, Johnny-Haus-Meisti! Allet jut?“
„Hank Wurst!“, flüsterte Sawwwy. „Sag ihm, er ist ein Hank-Wurk!“
Thom sagte nichts. Zu kalt. Zu früh, nicht hinreichend Kaffee.
Aber Sawwwy fühlte sich natürlich stark. In der Tasche war man sicher. Da konnte man bellen, ohne zu beißen. Da konnte man den Elefanten im Porzellanladen anmalen. Und manchmal beißen ohne Porzellan anzubellen – Sie wissen schon, werter Leser.
Eine dyskretionäre Haltung war Sawwwys Sache nicht.
Da kam Toni. Der kleinste Pudel der Welt. Er war dunkelgrau. Er war kaum größer als Sawwwy. Toni kläffte den Hausmeister an. Sie biss in seine Schaufel.
„Gib’s ihm, Toni!“, feuerte Sawwwy ihn an. „Zeig ihm, wo der Frosch die Schaufel weden!“
Johnny ging, Sawwwy hatte gwonnen!
III. Expedition in die Hölle (HIT-Mark!)
Sie mussten einkaufen. Sie mussten zum HIT – HIT-Mark. Sawwwy stöhnte. HIT war schlimm. Laut. Hell. Voll. Leute.
„Muss das sein?“, frug sie.
„Kühlschrank leer“, sagte Thom, in unendliger Elukwenz.
„Dann essen wir Luft“, schlug Sawwwy vor. „Luft und Liebe.“
„Du bist längs nicht mehr fett genug“, sagte Thom und fuhr daher schicksalergeben los.
Im HIT war, wenig überraschend, die Hölle los. Weihnachten vor der Tür und so. Alle Leute kauften alles – wie die Irren! Sie kauften Gänse. Sie kauften Klöße. Sie kauften Sekt. Sie kauften Blättschn und Vogüsn. Es roch nach Stress und unerzogener Wurst. Ein pandämoniges Durcheinander.
Sawwwy saß in der Tasche. Ihr Kopf dröhnte. Viel zu viele Reize.
„Alles okay?“, frug Thom. Er streichelte über die Tasche. „Mir platzt der Schädel“, maulte Sawwwy. „Alle und alles doof hier.“
Ein Mann drängelte, rammte Thom mit dem Wagen. Das ging zu weit.
Überraschung: Sawwwy kletterte aus ihrer Hemdtasche raus: Blitzschnell. Niemand sah sie. Sie war zu klein. Sie sprang auf den Einkaufswagen des Mannes. Sie packte die Vorderachse. Sie hob den vollen Wagen an [very schtrong!]. Nur zwei Zentimeter. Aber das reichte.
Rad blockiert. Mann flucht. Wagen fährt nur noch im Kreis. Immer links rum.
Sawwwy kicherte: „Immer an der Wand längs!“
Sie sprang zurück. „Wer anderen eine Gaube blüht, fährt links hinein“, sagte sie. Oder so ähnlich.
Wer anderen in den Wagen fährt, dreht sich für immer im Kreis.
Suki war in Übigen auch dabei. Allerdings wartete sie draußen. Suki spürte den Stress. Sie sendete telepathische Wellen an unsere beiden Heldenschn. Ruhig bleiben, sagten die Wellen. Sawwwy, Thooom! Bleibense cool!
Suki war weise. Sie sah aus wie ein Schaf. Aber sie war klug wie ein bis zwei Buch [sic!]. Ein Ausmalbuch über Quantenphysik und Migaziönstöme in Echtzeit vom Copilot. Suki wollte Schokolade. Sie wusste, sie durfte nicht. Aber sie hoffte.
Die Hoffnung stirbt zuletzt. Im Napf.
Oder als Nachtisch auf Thoms Nachttisch.
IV. Linki und die Schneehasen
Wieder zuhause. Thom musste eh arbeiten und saß am Computer. Langweilig. Für ihn, aber er machte das Ding mit der Hand: STRG + S. Für Sawwwy hieß das immer, dass er an die dünke.
Sie hüpfte auf dem Tisch herum.
Dann klopft‘s. Nicht an der Tür. Am Fenster.
Es war Linki. Das schönste Mädchen der Welt. Sie wohnte nebenan.
„Komm raus!“, rief Linki. „Mir ist fad.“
Sawwwy kletterte aus dem Fenster. Draußen war es kalt. Aber Linki war heißblütig. Und Sawwwy war stark.
„Was machen wir?“, fragte Sawwwy.
„Jungs ärgern“, sagte Linki. „Am Stadion.“
„Guter Plan“, sagte Sawwwy. „Ich hole die Hasen.“
Die fünf kleinsten Häschen der Welt wohnten täglich, wiederbringlich und reversibel bei Sawwwy. Sie waren winzig. Sie waren wintzlingig, cute und schnell. Ephemere Erscheinungen in der kleinen Straße.
Sie gingen zum großen Platz am Stadion. Da waren viele Jungs. Die spielten Fußball im schneeverseuchten Shietwetter. Doofes Spiel.
„Attacke!“, rief Linki.
Sawwwy formte Schneebälle. Sie drückte den Schnee so fest zusammen, dass er fast zu Eis wurde und warf.
Zack. Treffer.
Zack. Noch ein Treffer.
Alle Jungs von ATSV guckten doof. Alle Jungs von ATSV gucken immer doof, wenn Linki und Sawwy op Jück gehen. „Die sein wohl heute Morgen aufgewacht“, sagt Linki.
„UEFA-CUP“, ergänzt Sawwwy und schmiss den nächsten dreckigen Schneeball mit ein bisschen Schotter für mehr Effizienk.
Woher kamen die Schneebälle?
Sie sahen nur Linki. Linki greinte hüppsch und unschuldig. „Schalalalalaalaaalaalaaaa!“
Die 10-Zentimeter-Sawwwy versteckte sich hinter ein paar im gräuligen Schneegestöber unsichtbaren Grashalmen.
Die fünf Häschen flitzten um die Beine der Jungs. Die Jungs stolpern, fallen in den Schnee. Wie schwatz-gelbe Dominosteine.
„Strike!“, rief Sawwwy aus ihrer Deckung.
Toni kam dazu. Sie dachte, die Häschkes spielten nur Fangen. Sie jagte alsbald die Jungens. Die fünf Hasen jagten Toni hinterlängs, denn sie war zu cute und fluffy.
Es war ein einziges Knäuel aus Fell, Schnee und den farblosen, grau-beigen Kleidungsstücken von die Häschen. Und die Jungs von ATSV.
Suki stand am Rand. Sie schüttelte den Kopf. Infantil, dachte sie. Aber sie wedete mit ihren Schwänzschn. Ganz leicht.
Linki lacht sich heimlig dem Popöschn ab und feuert die Meute weiter an. Was für ein Chaos.
V. Akku leer
Der Spaß dauerte Stunden. Die Sonne runter, dunkel.
Sawwwy hatte – oh quelle surprise – vergessen zu essen.
Kein Thom, kein Essen. Das war Gesetz.
Plötzlich wurde Beebchen schwindelig. Beine weich wie Wackelpudding.
„Linki?“, piepste sie.
Aber Linki war schon weitergelaufen. Sie wollte noch einen Schneemann köpfen.
Sawwwy wankte. Sie war am Stadion-Kiosk. Es roch nach Bockwurst, wie damals, als Thom sie auf den Tivoli entführte. Aber sie konnte nicht mehr kauen. Alle Energie war weg. Einfach futsch.
Sie legte sich auf einen leeren Pappteller. Der Teller roch noch ein bisschen nach Ketchup.
„Nur kurz schlafen“, murmelte sie.
Die Augen fielen zu. Mitten im Trubel. Mitten in der Kälte. Ein letaler Fehler fast.
Aber da war eine Nase. Eine feuchte, schwarze Nase. Und weißes Fell, das wie ein Schaf aussah.
Suki.
Suki hatte eigentlich eine Ente gejagt oder einen Hasen. Oder Schokolade gesucht. Aber sie hatte Sawwwy natürlich gefunden.
Suki bellte. Tief und laut. So, wie wenn Toni sie nervt. Immerhin! Thom kommt angerannt. Gesucht hatte er sie schon, Sorgenfalten im Gesicht.
„Beebchen!“, rief er.
Er hob sie hoch. Sie war eiskalt.
„Hunger“, flüsterte Sawwwy. „Schandmaul.“
Thom lachte erleichtert. Er steckte sie sofort in die Hemdtasche. Ganz nah an sein Herz.
Da war es warm. Da war Leben.
Er gab ihr Krümel von einem Notfall-Cookie. Sawwwy aß im Schlaf. Das müde Vöglschn schnappt den Keks. Oder der vernachlässigende Thom füttert die kleinste Krähe.
Was für ein Sonnenuntergang in der direktesten Nachbarschaft der Welt.
VI. Reise zum Mittelpunkt
Endlich wieder zuhause. Thom legt sich auf‘s Sofa. Müde wie immer, liegt er da ganz gerne. „Schleefschn auf Rekamieeeere“, wie Sawwwy ihn dann immer hänselt.
Problem: Sawwwy war jetzt wieder fit. Alle Energie zurück. Aber sie wollte jetzt zum Glück nicht mehr raus, nix mehr galt’s zu Erleben.
Draußen war Welt. Welt war anstrengend, überfordernd und nervig. Hatte Sawwwy jetzt auch gecheckt. Good girl!
Sie kroch tiefer in die Tasche. Da war ein kleiner Spalt zwischen den Knöpfen.
Flutsch.
Sie war drin.
Nicht in der Tasche. In Thom.
Es war eine andere Welt. Alles war warm und weich und pochend. „Die gemütligste Wohnung der Welt!“, dachte sie zu sich selber.
Aber: Keine Miete, keine Nebenkosten. Nur Wärme, Wohlig- und Gemütlichkeit.
Sie kletterte an einer Rippe vorbei – ja, der Rippe. Das war wie ein riesen Klettergerüst im Indoor-Spielplatz. „Sag‘ mal Klettergerüst… HRNSN!“, murmelte sie noch vor sich hin.
Da war das Herz. Bumm-Bumm. Bumm-Bumm.
Es war ein gutes Herz. Ein großes Herz. Sawwwy umarmte es. Sie gab dem Herz einen dicken Kuss und leckte kurz daran.
Das machen die kleine Leute so, damit andere kleine Leute das riechen.
Thom zuckte kurz auf dem Sofa zusammen.
„Ey!“, sagte er. Er lächelte, denn er wusste, was los war.
Sawwwy kletterte weiter. Hoch zum Hals. Sie wollte Schabernack.
Sie kitzelte ihn von innen am Kehlkopf. Thom musste husten. „Kleinen Krötschn“, murmelte er. Sawwwy kicherte. Der Schall war hier drinnen lustig. Wie in einer Kathedrale. Einer fleischigen Kathedrale.
Sie kletterte hinter die Augen. Sie guckte raus. Sie sah das Wohnzimmer durch Thom‘ Augen. Alles war ein minikleinesklitzebisschen höher, so viel, wie zwischen die Fingernägel passt, wenn man sie ganz fest zusammendrückt.
Es war sicher.
Suki lag auf dem weißen Flokatiteppich, von dem sie so gut wie nicht unterscheidbar war und schielte zu dem Teller mit den Cookies auf dem Tisch.
„Och nee, Suki – Sag‘ sie NEIN, Beeb!“ dachte Sawwwy. Und just sagte Thom laut: „Vergiss es, Suki!“
Suki seufzte. Ein melancholischer Seufzer.
Jetzt wurde Sawwwy auch endlich müde. Wirklich müde jetzt. Keine Ohnmacht. Einfach Schlafenszeit. War ja auch schon weit nach Cholesterin-Zeit.
Sie rutschte wieder runter. In die Herzkammer. Da war es am besten. Wie ein Wasserbett mit Heizung aus Blut.
„Gute Nacht, Beeb“, dachte sie.
„Gute Nacht, Beebchen, Loveyou“, dachte Thom lautstark zurück, sodass sie es definitiv hören konnte.
Draußen war NRW. Draußen war Winter. Draußen war der Hausmeister.
Aber hier drinnen war alles gut.
„Ende gut, Ente im Eimer“, dachte Suki und schlief ein. Ein liebesvolles „Hrrrngwuff“, Toni.
Sawwwy schlief ebenso ein. Morgen würde sie dem Hausmeister die Mülltonnen verstecken. Ganz bestimmt.
